Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Promotion Fahlenbrach, Kathrin 2000

Kathrin Fahlenbrach
Visuelle Kommunikation und Kollektive Identitäten in Protestbewegungen

Seit der Studenten- und Jugendbewegung der 60er Jahre nehmen die Massenmedien einen zentralen Stellenwert in der Regulation von Selbst- und Fremdwahrnehmung sozialer Bewegungen ein. Um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen, ist für die Artikulation von Protest die Orientierung an der (audio-) visuellen Ästhetik der Massenmedien inzwischen der wichtigste Anschlussaspekt. Da dies vor allem durch die visuelle Inszenierung des Protestes gelingt, nehmen im Kontext von Massenmedien visuelle Protestcodes einen immer wichtigeren Stellenwert in der Selbstdarstellung sozialer Bewegungen ein.

Neben der instrumentellen Funktion massenmedial ausgerichteter Protestkommunikation ermöglichen visuelle Protestcodes zudem auf expressiver Ebene die psychosoziale Bindung der Bewegungsteilnehmer: Indem sie die Protestziele und -themen an die subjektiven Lebensentwürfe und Verhaltensmuster koppeln, erhält Lebensstil einen völlig neuen Stellenwert für die individuelle und kollektive Selbstvergewisserung Neuer Sozialer Bewegungen. - Die Ausgangsfrage der Arbeit lautet vor diesem Hintergrund: Wie formieren sich kollektive Identitäten in Protestbewegungen und welchen Stellenwert nimmt hierbei visuelle Kommunikation ein?

Im Anschluss an die Theorie Sozialer Identität nach Henri Tajfel wird Kollektive Identität unterschieden nach der Sozialen (Protest-)Identität der einzelnen Akteure und der kollektiven (Bewegungs-)Identität. Die Kopplung von akteursgebundener Mikroebene und sozial-kommunikativer Makroebene wird damit vorausgesetzt. Nur vor dieser Prämisse kann schließlich auch die spezifische emotional-affektive Wirksamkeit visueller Codes erklärt werden, die primär auf subjektive Identitätsprozesse verweist.

Die spezifische Funktion visueller Kommunikation wird vor dieser Voraussetzung mit der Rolle von Habitus und Lebensstil erklärt. Im Anschluss an Pierre Bourdieu und Veit Michael Bader wird gezeigt, dass Habitus als sozio-ästhetische Wahrnehmungs- und Bewertungsstruktur und Lebensstil als deren praktische Dimension die Ausbildung visueller Protestcodes regulieren und v.a. die emotionale Bindung der Akteure entscheidend regulieren. Indem Neue Soziale Bewegungen schließlich im Anschluss an Gerhard Schulze und Kai-Uwe Hellmann im Kontext der bundesrepublikanischen Milieusegmentierung innerhalb des Selbstverwirklichungsmilieus sozialstrukturell verortet werden, kann die wachsende Bedeutung sozio-ästhetischer Kategorien für die Selbst- und Fremdwahrnehmung Neuer Sozialer Bewegungen erklärt werden.

Nach dieser theoretischen Modellierung wird die Studenten- und Jugendbewegung der 60er Jahre als erste soziale Bewegung dargestellt, in der visuelle Codes über die kognitive Verständigung ideologischer Gemeinsamkeiten hinaus die Protestziele und -themen emotional und habituell an die Lebenshaltungen der Teilnehmer und Sympathisanten binden. Hier wird gezeigt, welche neuartige Bedeutung die öffentliche Inszenierung von Protest in der medienhistorischen Schwellensituation der 60er Jahre erhält, in der mit dem Fernsehen öffentliche Kommunikation immer stärker auf Visualität umgestellt wird.

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