Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Dissertation Brück, Ingrid 1999

Ingrid Brück (Halle): Alles klar, Herr Kommissar? Die Entwicklungsgeschichte des Krimis unter den Bedingungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den 50er und 60er Jahren. 1999.

Gutachter: Prof. Dr. Reinhold Viehoff, Prof. Dr. Gerd Lampe, Prof. Dr. Helmut Schanze (Siegen)

Vor einigen Jahren, als wir in einem Forschungsprojekt zur Mediengattungstheorie anfingen1, uns mit dem Fernsehkrimi zu beschäftigen, hatte das Genre noch nicht den exponierten Stellenwert im Fernsehprogramm, den es heute hat. Es schien auch noch ein wenig legitimierungsbedürftig zu sein, sich überhaupt mit einem solch 'trivialen' Medienangebot wissenschaftlich zu beschäftigen. In der Wissenschaft war das - trotz einiger vorhandener Forschungsansätze - nicht anders als im Mediensystem selber, wo Krimis lange als 'Spiele für das Volk', aber nicht als 'kultureller' Beitrag angesehen wurden. Dabei transportiert das Genre ein gesellschaftlich überaus relevantes Thema: die justiziable Normübertretung, deren Aufklärung und Ahndung. Angesichts des verstärkten Konkurrenzkampfes im Dualen Fernsehsystem wird dem Krimi zunehmend Beachtung geschenkt, geht es doch seit einigen Jahren im Diskurs (sowohl im wissenschaftlichen als auch im außer-universitären) mehr denn je um Markt und Markanteile einerseits, um Qualität von Fernsehsendungen und deren Bemessungsgrundlagen andererseits. Daß gerade der Krimi einmal als öffentlich-rechtliches Qualitätsprodukt gelten könnte, als inhaltliche Bastion, die es gegen die 'Übergriffe' reiner Marketingstrategien zu verteidigen gilt, war ihm keineswegs in die Wiege gelegt worden. Es bedurfte, im Gegenteil, einiger Überzeugungskünste, um ihn als 'legitimes Kind' der Kulturinstitution Fernsehen ausgeben zu können.

Seit die privaten Sender in der ersten Hälfte der 90er Jahre mit eigenproduzierten Krimiserien in die Domäne der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eingedrungen sind, ist der Krimi eines der wichtigsten, weil erfolgreichsten, Genres geworden - im öffentlich-rechtlichen, wie auch im privaten Fernsehprogramm. Der Krimi ist aber mehr als das: Als der Dortmunder Journalistik-Professor Günter Rager, der der Grimme-Preis-Jury 1997 angehörte, nach den Trends des Jahres gefragt wird, stellt er fest:

     Der Krimi ist auf dem Weg zur Universalkategorie: Konflikte oder Probleme, die früher gut und gerne in einem Fernsehspiel abgehandelt wurden - heute tauchen sie im Krimi auf. Vater-Sohn-Beziehungen, Irrungen und Wirrungen der Liebe, Fragen der gesellschaftlichen Moral - alles wird zum Krimi und im Krimi verarbeitet. Fast sieht es so aus, als wäre für wichtige Themen nur in dieser spannungsgeladenen Form ein größeres Publikum zu erreichen.2

Die hier angedeutete, für deutsche Fernsehkrimireihen und -serien im Abendprogramm typische, Verbindung zwischen Unterhaltung und Anspruch, ist Ergebnis einer langen Entwicklung. Der Krimi mit seiner Quotensicherheit macht sich inzwischen auf den Programmplätzen breit und übernimmt als Schaf im Wolfspelz (sic!) die Aufgaben des Fernsehspiels mit. Die Grundlagen dafür sind in seiner Genese gelegt worden, die ihren Anfang mit dem offiziellen Sendestart des bundesdeutschen Fernsehens 1953 nimmt. Eine ambitionierte Thematisierung gesellschaftlicher Konflikte ist dem Fernsehkrimi im Laufe der Zeit gewissermaßen zugewachsen. Die Anforderungen des öffentlich-rechtlichen Systems haben ihre Spuren hinterlassen. Das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums auch.

Mit dem Aufbau des Rundfunks in der Nachkriegszeit wurden die Grundlagen für unser heutiges Fernsehsystem gelegt, in den 50er Jahren etablierten sich nach und nach die einzelnen Fernsehsender der ARD, die mit der Einführung des ZDF 1963 eine erste Konkurrenz innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems erhielten. Bis Mitte der 80er Jahre blieben die Eckdaten der bundesdeutschen Fernsehlandschaft stabil. Mit der Einführung des Dualen Systems entstand eine Umbruchsituation, die sich im Bereich der Krimiserien und -reihen erst in den 90er Jahren, dann aber massiv, bemerkbar machte.

Der Krimi als ein aus anderen Medien bekanntes Unterhaltungsgenre ist von Anfang an im Programm. Die erste Stufe einer Etablierung von Krimis zu Serien bzw. Reihenformaten vollzieht sich in den 50er und vor allem in den 60er Jahren. In dieser Zeit werden die entscheidenden Grundlagen für die weitere Genreentwicklung im Abendprogramm gelegt, die im Wesentlichen bis in die 90er Jahre Bestand hatte: die Krimiserie bzw. -reihe entfaltet sich im Spannungsfeld zwischen Bildungsanspruch und Unterhaltungsbedürfnis. Andererseits deuten sich bestimmte Aspekte aktueller Erscheinungen mit zunehmender Kommerzialisierung des Fernsehsystems schon früh an: Für das Vorabend- bzw. Werberahmenprogramm gelten andere Regeln als für das 'kulturelle' Abendprogramm. Phänomene, die im Abendprogramm erst in den 80er oder gar 90er Jahren auftreten, gibt es im Vorabendprogramm schon seit den 60er Jahren.

Die medienwissenschaftliche 'Geschichtsschreibung' über den Fernsehkrimi, das Einzelspiel wie auch die Krimiserie- und reihe, setzt ganz allmählich erst in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ein. Die davor liegende erste Phase wird kaum beachtet. Ein systematischer und umfassender Überblick über die Genreentwicklung ist inzwischen von der Hallenser Projektgruppe zur Programmgeschichte des Deutschen Fernsehkrimis erarbeitet worden (siehe Publikationsliste). Eine Aufarbeitung gerade der frühen Ausprägung und deren Voraussetzungen ist notwendig, will man spätere Veränderungen adäquat wahrnehmen und beschreiben.

In dieser Arbeit wird vor allem danach gefragt, wie sich die Genreentwicklung unter den spezifischen Bedingungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vollzieht. Deshalb wird den Analysen einzelner Sendungen eine Beschreibung des Fernsehsystems vorangestellt und diese zur Interpretation der Analysen herangezogen. Inwieweit sich das soziokulturelle Klima der Zeit in der Konstruktion krimineller Wirklichkeit des Medienangebots Krimiserie/reihe widerspiegelt und ob sich daraus Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Funktion des Genres ziehen lassen, ist eine weitere Fragestellung.

Nach Siegfried J. Schmidts Modell von Kultur als Programm werden Wirklichkeitsmodelle einer Gesellschaft in Medienhandlungen und Medienangeboten vornehmlich über Dichotomien thematisiert. Für die Konstruktion krimineller Wirklichkeit im Medienangebot Krimiserie/reihe sind vor allem zwei Dichotomien und deren Verknüpfungen von zentraler Bedeutung: Die referentielle Anbindung der jeweiligen Krimiserie/reihe an die Alltagswirklichkeit (wirklich vs. nicht wirklich) und das konstruierte Gut/Böse-Schema. Diese beiden Aspekte haben sich im Verlaufe der Vorarbeiten - aus unterschiedlichen Blickwinkeln - zunehmend als zentral herauskristallisiert und stellen zwei wesentliche Dimensionen der Exploration dar. Das von Schmidt entworfene Modell bietet die ideale theoretische Fundierung für die systematische Analyse dieser Dimensionen, die sich als sehr fruchtbar für die 'Beobachtung' und Beschreibung der Genreentwicklung erwiesen hat.

Diese Dissertation leistet einen Beitrag zur Mediengeschichtsschreibung. Dieser bliebe jedoch reiner Selbstzweck, böte er nicht auch Anknüpfungspunkte an die aktuelle Diskussion. Deshalb wird immer wieder auch auf neuere Phänomene Bezug genommen.

1     Projekt zur "Mediengattungstheorie" im DFG-Sonderforschungsbereich 240, "Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien", Universität-Gesamthochschule Siegen unter Leitung von Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt und später Prof. Dr. Reinhold Viehoff.
Inzwischen ist in einem eigenen DFG-Forschungsprojekt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Programmgeschichte des ost-, west- und gesamtdeutschen Fernsehkrimis umfassend aufgearbeitet worden (Leitung: Prof. Dr. Reinhold Viehoff). Im Rahmen des Projektes ist auch diese Dissertation entstanden.

2 Grimme 1/98: 48.

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