Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Blick auf das mitteldeutsche Multimediazentrum

Weiteres

Login für Redakteure

WILDWECHSEL – Rainer Werner Fassbinder transmedial.

Tagung der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft, des Instituts für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg in Zusammenarbeit mit der Edition Text + Kritik

Wildwechsel" – ein Theaterstück von Franz Xaver Kroetz, von Rainer Werner Fassbinder 1972 für das Kino verfilmt, ein Film, später vom Dramatiker Kroetz für weitere Ausstrahlungen und Vorführungen gesperrt – ist ein Beispiel dafür, wie Fassbinder sich fremde Stile und Genres, hier das Genre des „kritischen Volksstücks“, produktiv aneignete und in ein anderes Medium überführte. Sein Werk zeichnet sich aus durch einen virtuosen transmedialen Umgang mit szenischen Erzählformen: Fassbinder schrieb und inszenierte für das Theater wie für den Film, er adaptierte immer wieder eigene wie fremde literarische Vorlagen, Bühnenstücke, aber auch Romane und Novellen.

Nahm er sich als Regisseur eines Stoffes mehrfach an, handelte es sich nie um bloße Zweitverwertungen, sondern um Bearbeitungen für das neue Medium: Theaterstück und Film unterscheiden sich ganz wesentlich, dies gilt für „Katzelmacher“ ebenso wie für „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Übernahm er eine Bühnenproduktion für den Film, beließ er es nicht bei einer Aufzeichnung, sondern inszenierte sie neu.

Arbeitete er für das Fernsehen, wählte er andere ästhetische Mittel als für das Kino. Der Kinofilm „Berlin Alexanderplatz“, parallel zur TV-Serie geplant, sollte kein Zusammenschnitt des Fernsehmaterials sein, sondern Fassbinder schrieb ein neues Drehbuch und wollte diesen Film komplett anders besetzen. Erst jetzt wird sichtbar, wie das audiovisuelle Werk Fassbinders bereits mit heute als innovativ geltenden multimedialen Erzählformen arbeitete: „Welt am Draht“ erscheint uns als „Matrix Preloaded“ und die 14-teilige Döblin-Verfilmung als high art im TV, die singulär geblieben ist.

Die Tagung knüpft damit auch an die  Fragestellungen zu Fassbinders Werk an, die unlängst u.a. in der  Neufassung des „text+kritik"-Bandes 103 zu Rainer Werner Fassbinder  formuliert wurden.

Programm

10:00 – 10:15
Begrüßung durch Dr. Werner C. Barg und Michael Töteberg

10:15 – 11:00
Rainer Werner Fassbinder transmedial
Michael Töteberg (Hamburg)

Fassbinder war ein Wanderer zwischen medialen Erzählwelten, arbeitete transmedial, multimedial. Diesen innovativen Erzählformen in Fassbinders Arbeiten aus heutiger Sicht nachzugehen, sollen die  Beiträge der Tagung leisten, um dadurch dem Blick auf das durch die  Film- und Medienwissenschaften stark kanonisierten Werk Fassbinders  neue Perspektiven zu eröffnen.

11:00 – 11:45
Sounds like Fassbinder (Hörspielarbeiten)
Christine Ehardt (Wien)

Anfang der 1970er Jahre produziert Rainer Werner Fassbinder Hörspiele für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten. Neben der Adaption von Goethes "Iphigenie auf Tauris" wurden von ihm u.a. das Science Fiction Hörspiel „Keiner ist böse und keiner ist gut“ oder das Bühnenstück „Preparadise Sorry Now“ mit dem Münchner Theaterensemble fürs Radio realisiert.

In welchem Verhältnis stehen Fassbinders eigenwillige Hörspiele und Hörspieladaptionen zu dem in den 1970er Jahren in die Krise gekommenen Hörspiel? Nach welchen ästhetischen Kriterien und mit welchen historischen Vorlagen arbeitet er, welche Bedeutung misst Fassbinder der akustischen Inszenierung bei? Diese Fragen sollen in einer Analyse der oben genannten Hörspiele und in der Auseinandersetzung mit den weiteren künstlerischen Übersetzungen bzw. Vorlagen diskutiert werden, um so den Hörspielmacher und Hörspielliebhaber Rainer Werner Fassbinder kennenzulernen.

11:45 – 12:00
Kaffeepause

12:00 – 12:45
Bildschichten im „bürgerlichen Trauerspiel“ Bremer Freiheit
Prof. Dr. H. J. Wulff (Kiel)

In einer Mischung von Moritat und Collage adaptierte Fassbinder den historischen Fall der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried, die Anfang des 19. Jahrhunderts 15 Opfer mit Arsen vergiftet haben soll, als „bürgerliches Trauerspiel" Bremer Freiheit. Das Stück, dessen Aufführung Fassbinder mit dem Ensemble des Bremer Schauspielhauses einstudiert hatte, wurde 1972 mit Mitgliedern des Antiteaters für eine TV-Adaption aufgeführt. Bluebox und elektronische Kamera gestatteten kompositionelle Arbeiten, die für alle Beteiligten Neuland waren.  Das Augenmerk des Vortrags wird genau auf dieses Spiel mit „Bildschichten" gerichtet sein, auf die Funktionalität der filmischen bzw. televisionären Inszenierung vor dem Horizont der emanzipatorischen Thematik des Stücks.

12:45 – 14:00
Mittagspause

14:00 – 14:45
Schulden und Kreditkomplex in Fassbinders frühen Filmen
Alexandra Vasa

Unser Kreditbegriff leitet sich vom lateinischen Wort credere ab, das Vertrauen/Glauben schenken bedeutet. Die heutige Implikation einer finanziellen Stärke oder eines pekuniären Mangels war ursprünglich nicht angelegt. Auch der Sprachgebrauch des Begriffes Schuld oszilliert zwischen unterschiedlichen Polen. Religiöse, moralische, libidinöse oder eben auch ökonomische Deutungen sind hier möglich. Zudem ist es schwierig, die unterschiedlichen Bereiche trennscharf von einander zu halten, da sie sich sowohl bedingen als auch ausschließen oder konfligieren können.

Fassbinders Filme zeichnet u.a. diese problematische Durchkreuzung unterschiedlicher Sphären aus. Im Vortrag soll diese „Vermischung“ der diversen Bereiche in frühen Filmen des Regisseurs skizziert und Herausgestellt werden.

Hiermit soll an das Forschungsvorhaben angeknüpft werden, in dessen Mittelpunkt bisher Fassbinders Berlin Alexanderplatz und seine explizite Geld-Gabe-Tausch-Relation stand.

14:45 – 15:30
„.. äußerst irreal..“ Fassbinders WELT AM DRAHT
Uta Kolano (Halle)

Wer sind wir? Was ist „Ich“? Ist der Mensch das Konstrukt eines Bösen Weltgeistes? Oder freier Wille? Oder reine Computersimulation? Rainer Werner Fassbinder spielt in seinem TV-Zweiteiler „Welt am Draht“ die philosophischen Grundfrage nach Sein, (Selbst-)Bewusstsein und Identität durch. Eine Frage, die auch große Denker wie René Descartes bewegte und welche sogar als Handlungsmotivation für Neo im Blockbuster „Matrix“ dient.

Welt am Draht“ geht auf den Sciencefiction-Roman „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye zurück. Es war Fassbinders einziger Ausflug in dieses spezielle Genre. Ausgehend von These, das SciFi neben aller Zukunftsvision vor allem auch Zeitspiegel war und ist, wird untersucht, inwieweit sich Fassbinder mit diesem zweiteiligen – im Oevre ungewöhnlichen - Film doch grundsätzlich treu geblieben ist.

15:30 – 15:45
Kaffeepause

15:45 – 16:30
Fassbinders „Querelle“ – ein Vermächtnis?
Werner Barg (Berlin/Halle)

"Querelle" - Fassbinders Vermächtnis!?  Eine filmphilosophische Annäherung an Fassbinders letzten Spielfilm, der zum Skandal wurde: Das Homosexuellen-Drama "Querelle" nach dem Roman von Jean Genet. Am Beispiel seines letzten Films werden Aspekte filmischer Ästhetik bei Fassbinder verfolgt, die durch die Fokussierung der Filmforschung auf die postmoderne Historizität seines "Spätwerks" bislang kaum betrachtet wurden.

16:30 – 17:30
„Mythos RWF“
Gespräch und Diskussion mit Dr. Rolf Giesen (Berlin) und Michael Töteberg


Im Anschluss:

Filmreihe „SCIENCE IM ZAZIE“

18:30 Uhr  |  Einlass im Kino ZAZIE (Kleine Ulrichstr. 22, 06108 Halle)

19:00 Uhr  |  Prof. Dr. Wolf Zimmermann (Halle):
Einführung zu „Welt am Draht“

19:30 Uhr  |  Vorführung  „Welt am Draht“

Eckdaten

Veranstaltungsort:
Studio (2. Etage),
Multimediazentrum (MMZ),
Mansfelder Str. 56,
01608 Halle (Saale)

Datum/Uhrzeit:
22.06.2017
10:00 – 17:30 Uhr

Ansprechpartnerin und Anmeldung:
Lucy Sonnet
()

Programm Fassbinder-Tagung "Wildwechsel"
Programm Fassbinder-Tagung.pdf (56,2 KB)  vom 14.06.2017

Zum Seitenanfang